Manifest des „Komitee 19. Januar“

Am 19. Januar, genau ein Jahr nach dem Mord an Stanislaw Markelow und Anastasija Baburowa, laden wir, die InitiatorInnen einer antifaschistischen Demonstration, dazu ein, sich einer Kampagne gegen Naziterrorismus anzuschließen.

Das Wort „Faschismus“ hat heute maximal an Wert verloren. Es fällt schwer, eine politische Kraft auszumachen, die ihre Gegner nicht als „Faschisten“ abgestempelt hat. Dennoch existieren durchaus sinnvolle Deutungen dieses Begriffs. Viele davon stehen in direkter Verbindung zu Vorkommnissen im heutigen Russland.

Für die einen stellt Faschismus eine Äußerung extremer Intoleranz dar, die typisch für eine autoritären Gesellschaft ist. Für die anderen steht er für eine Ideologie der Ausbeutung und Zwang, die in ihren Wurzeln auf die Kolonialepoche zurückgeht. Dritte sehen darin die Nutzung kontrollierter Kampfeinheiten zur Niederschlagung demokratischer Kräfte durch die Staatsmacht. Vierte sehen im Faschismus etwas, das engagierte Menschen tötet, wie den Anwalt Stanislaw Markelow und die Journalistin Nastja Baburowa, junge Antifaschisten wie Fjodor Filatow und Iwan Chutorskoj, den Wissenschaftler Nikolaj Girienko, den Schachspieler aus Jakutien Sergej Nikolajew, den Programmisten aus Burjatien Bair Sambujew und noch Hunderte anderer Menschen. Sie teilen ihre Feinde nicht in Kategorien ein wie Russen und Nicht-Russen, Erwachsene und Kinder, Priester und Besucher von Punk-Konzerten, junge aktive Leute und schutzlose Hausmeister aus Zentralasien.

Dabei geht es nicht um Definitionen. Alle Mörder stammen aus einem bestimmten Umfeld. Alle stammen aus ein und demselben Umfeld.

Sie lassen sich nur mit vereinigten Kräften besiegen, indem Barrieren zwischen verschiedenen politischen Aktivisten überwunden werden, aber auch zwischen Aktivisten und denjenigen, die Politikern misstrauen und sich nicht aktiv in politische Prozesse einbringen. Deshalb gründen wir eine antifaschistische Initiative, die Menschen mit unterschiedlichen Ansichten und Bürgerpositionen zusammenbringen kann, auch diejenigen, die sich als „apolitisch“ bezeichnen, sich jedoch sicher sind, dass der Aufstieg faschistischer Tendenzen in Russland eine klar verständliche Antwort erfordert.

Nazis haben sich verändert. Sie demolieren keine Märkte – sie jagen sie mit Sprengstoff in die Luft. Außerdem sprengen sie Eisenbahnschienen, Konzerte, Kirchen, Cafés und Treppenhäuser, in denen sich ihre politische Opponenten aufhalten. Faschisten schlagen auf PassantInnen nicht nur ein, sie töten sie. Neonaziterror ist längst Realität geworden.

Wenn wir noch weiter abwarten, laufen wir Gefahr, dass sich unser Land in ein Feld für ethnische Säuberungen und Kriege zwischen unterschiedlichen Nationalitäten verwandelt. Wir wenden uns an all diejenigen, die nicht warten wollen. Ergreift Initiative und macht Eure Bürgerpositionen mit den Euch zugänglichen Mitteln offen deutlich.

Darüber hinaus rufen wir bekannte öffentliche Persönlichkeiten – WissenschaftlerInnen, KünstlerInnen, SchriftstellerInnen, Intellektuelle – dazu auf, unsere Initiative mit ihrer Autorität zu unterstützen. Wir sind der Ansicht, dass der Widerstand gegen die Naziseuche in Russland auf eine neues, solidarisches und von massenhafter Präsenz geprägtes Niveau angehoben werden muss, über den Rahmen einer Jugendsubkultur und Gruppen bürgerlicher Aktivisten hinaus. Die begründete Abneigung gegen „Politik“ darf kein Hindernis bei der kritischen Reflexion über die nazistische Bedrohung darstellen.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt halten wir es für vorrangig, offen agierenden Nazis und Rassisten und solchen, die sich hinter gemäßigteren Positionen verstecken, die Unterstützung durch Staatsbeamte zu entziehen, VertreterInnen der extremen Rechten aus der offiziellen Politik zu verdrängen und das Ausnutzen rechtsradikaler Gruppierungen gegen bürgerliche und politische Aktivisten zu verhindern.

Wir rufen Menschen in verschiedenen Städten und Ländern dazu auf, sich solidarisch mit unserer Initiative zu zeigen und mit uns gemeinsam am 19. Januar 2010 auf die Strasse zu gehen.

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